Evangelisch-Lutherischer Dekanatsbezirk Rosenheim

Blick unter das Dach mit seinem Ach

Blick unter das Dach mit seinem Ach

Zum 3. Sonntag nach Epiphanias
Evangelium: Mt 8,5-13: Der Hauptmann von Kapernaum

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Vor einem Jahr, am 10. Januar 2022 starb der Kinderbuchautor Ali Mitgutsch, der Erfinder der sog. Wimmelbücher in München/Schwabing, wo er geboren wurde, gelebt und gearbeitet hatte.

Sein erstes Wimmel-Buch erschien 1968 unter dem Titel Rundherum in meiner Stadt. Und unschwer finden sich in dieser Modellstadt immer wieder Orte und Zeiten, die man immer noch in München finden kann, z.B. die Auer Dult auf dem Mariahilfplatz.

Dort hatte Ali Mitgutsch seine Schlüsselerfahrung, die er offenbar auch in seinem 1. Buch festgehalten hat: er fuhr als Kind mit dem Kettenkarussell, der Schiffschaukel – und auch mit dem Riesenrad. In dem schwarzhaarigen Jungen in der obersten Gondel könnte er sich als 10jährigen Jungen selbst gemalt haben.


Aus: „Rundherum in meiner Stadt © Ali Mitgutsch/Ravensburger Verlag“ 1968.

Und es war genau dieser Blick von oben, der ihm bei offenen Augen die Augen öffnete:

„Nur wer von oben auf die Welt schaut, schaut das Ganze“.

Mitgutsch selbst beschrieb das so: „Von oben suchten meine Augen die Welt nach neuen, ungewohnten Bildern mit vielen Details, […] Kinder jagten hintereinander her, Karren wurden gezogen, eine Frau sammelte ihren Einkauf vom Pflaster […]. Die Aufsicht auf die Dinge und Situationen blieb für mich ein Leben lang ein spannendes Thema: Sie wurde die Perspektive all meiner Wimmelbilder.“

Von oben darf aber nicht heißen von zu weit oben, denn sonst sieht man vielleicht das Ganze (wenn das überhaupt möglich sein sollte), aber nicht mehr die vielen Einzelheiten, um die es ebenfalls geht.

Es geht sowohl um den großen Überblick, als auch um die kleinen Details.

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Gilt das auch für Gott? Sieht Er alles auf einmal? Oder hat auch Er zunächst nur den Überblick von weit oben, aber die wichtigen kleinen Details hier unten sieht er nicht? Noch nicht?

Jedenfalls lesen wir in der Bibel, wie Gott uns Menschen immer näher kommt: zunächst schwebt er als „Geist über dem Wasser“ (1. Mose 1,1). Dann kommt er uns immer näher, indem er sich den Menschen nähert, Abraham, Isaak und Jakob, und dem Volk Israel. Und dieses Volk entdeckt und (er)findet Gott. Bis der in Jesus Christus selbst Mensch unter Menschen wird, einer von uns.

Und in der Geschichte des Soldaten, des Hauptmanns von Kapernaum, nennt Jesus selbst das Motto Gottes in seinem Leben: „Ich will kommen und ihn gesund machen.“
Und gemeint ist hier: er will in das Haus kommen, unter das Dach des Menschen, der ihn braucht und ruft, etwa hier zu dem Gelähmten, der große Qualen erleidet.

Vielleicht ist es so: zu wissen, dass Gott zu uns, zu mir kommt, das macht mich gesund, nicht unbedingt meinen Leib, aber wenigstens meine Seele: ich bin getröstet.

Gott kennt meine Qualen. Er sieht, worunter ich leide. Er spürt meine Schmerzen, er weiß, wie es sich anfühlt, gelähmt zu sein, an Leib und Seele.
Das genügt. Das ist noch keine konkrete Hilfe, aber es ist ein Trost – nach der Unterscheidung, wie sie Georg Simmel einmal in sein Tagebuch schrieb:
Dem Menschen ist im großen und ganzen nicht zu helfen. Darum hat er die wundervolle Kategorie des Trostes ausgebildet – der ihm nicht nur aus Worten kommt, wie Menschen sie zu diesem Zwecke sprechen, sondern den er aus hunderterlei Gegebenheiten der Welt zieht.

Mit den Worten der Jahreslosung für das neue Jahr 2023 aus der Geschichte Hagars: Du bist ein Gott, der mich sieht. (1. Mose 16,13)
So bietet Jesus dem Offizier an, unter sein Dach zu kommen, zu seinem Ach.

Doch der Hauptmann, der Herr des kranken Knechts, erwidert überraschenderweise – und nun folgt ein Satz, der für mich zu den schönsten Sätzen der Bibel, des Neuen Testaments, der Weltliteratur zählt:
Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst; sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.

Ich vermute, dass das damit zusammenhängt, dass diese Geschichte für die Menschen aufgeschrieben wurde, die Jesus nicht mehr persönlich treffen können, wie wir. Zu uns kommt Jesus eben nicht mehr leibhaftig. Deshalb sagt uns gleichsam der Hauptmann vorwegnehmend: das macht nichts, es genügt sein Wort.

Und das ist ja auch das Wunder der Sprache, dass man über Dinge reden kann, die nicht da sind – und dadurch sind sie da. Erst recht gilt das für die Sprache Gottes, der alles geschaffen hat – nach der biblischen Schöpfungsgeschichte durch nichts als durch sein Wort: „Und Gott sprach…“ (1. Mose 1). Indem das Wort Gottes kommt, kommt Gott. Indem das Wort von Jesus Christus kommt, kommt er selbst. Indem wir die Geschichte(n) von ihm vernehmen und aufnehmen, ist er in seinem Geiste da.

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Viele kennen diesen Spruch des Hauptmanns allerdings ein wenig anders. Ein Wort wird hier verändert. In der (katholischen) Liturgie der Eucharistiefeier, des Abendmahls lautet er:
Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst; sondern sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.

Aus dem Knecht, dem anderen Menschen, ist die eigene Seele geworden.

Wir dürfen uns das Wort des Hauptmanns aneignen. Es gilt auch mir, insbesondere, sofern ich selbst Knecht bin: meines Leids, meiner Qualen, meiner Schmerzen, meiner Not.

Allerdings dürfen wir dabei nicht die anderen Menschen enteignen.

Aber es ist ja so: wer krank ist, wer leidet, an Leib und/oder Seele, der ist auf sich bezogen, der kann gar nicht anders, als um sich besorgt zu sein, egozentrisch, wenn nicht egoistisch zu werden. Das ist gleichsam der Fluch des Leides.

Doch wenn ihm geholfen wird, oder wenn er ein wenig getröstet wird, dann wird sein Geist wieder fähig, sich nicht nur um die eigene Seele, sondern auch um die Seele des anderen, des Knechtes, des Nachbarn … zu sorgen und zu kümmern.

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Es ist deshalb so wunderbar, dass Ali Mitgutsch, um noch einmal auf ihn zurück zu kommen, nicht nur sich malt, nicht einmal nur seinen Blick, sondern sich, wie er im Riesenrad sitzt, und seinen Freund neben sich. Weil er im Geist noch etwas höher steigen kann, um von dort auch viele andere Menschen und ihre Situation zu sehen – wie Gott auch, der seit Jesus Christus nicht nur von oben hinunter schaut, sondern weiß, wie es dort unten ist, und deshalb die Details vor Augen und um Herzen hat: auch uns.
Deshalb kann Gott nun, wie Ali Mitgutsch, zugleich durch Wände und Dächer sehen, hinein in unser konkretes Leben.

Eine schreckliche Parodie darauf sind die Bilder des russischen Raketenangriffs auf die ukrainische Stadt Dnipro am 16. Januar dieses neuen Jahres. Viele Menschen starben, noch mehr wurden verletzt. Und man sieht aufgerissene Häuser, und schaut in die Küchen und Wohnzimmer der zerstörten und entblößten Häuser. Doch im Unterschied zu Mitgutsch sind hier die Wohnungen leer, die Menschen vertrieben, verletzt oder tot.

Seit Gott als Mensch auf der Erde ging, in Jesus Christus hat er nicht nur einen Überblick über, sondern einen Einblick in unser Leben bekommen.

Und das von unserm kranken Nachbarn auch, wie es in „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius heißt. (EG 482,7).
Zu den Nachbarn gehören spätestens und endlich seit Februar 2022 auch die Menschen in der Ukraine. Und anderswo.

Ach Gott, spricht nur ein Wort …

Klaus Wagner-Labitzke

publ. am 20. Januar 2023