Evangelisch-Lutherischer Dekanatsbezirk Rosenheim

O du fröhliche...

O du fröhliche …

1
Das Lied O du fröhliche gibt es in zwei verschiedenen Fassungen. Das eine, das bekanntere wohl, wird an Weihnachten gesungen. Das andere an Ostern oder auch an Pfingsten.
Hier die beiden Texte, auch zum Vergleich. Zunächst die Fassung für Weihnachten:

O du fröhliche, o du selige
gnadenbringende Weihnachtszeit
Welt ging verloren, Christ ist geboren
Freue, freue dich, o Christenheit

O du fröhliche, o du selige
gnadenbringende Weihnachtszeit
Christ ist erschienen, um uns zu versühnen
Freue, freue dich, o Christenheit

O du fröhliche, o du selige
gnadenbringende Weihnachtszeit
Himmlische Heere jauchzen dir Ehre
Freue, freue dich, o Christenheit
(1. Strophe von Johannes Daniel Falk, 1816 (1819); 2. Und 3. Strophe von Heinrich Holzschuher, 1829.)

2
Was singen wir da eigentlich? Beginnen wir mi der bekannten, aber späteren Weihnachtsfassung. Schließlich ist ja Weihnachtszeit.
Nachdem also die fröhliche und selige Zeit beschworen wird, da heißt es gar nicht fröhlich und auch nicht selig, ganz im Gegenteil: Welt ging verloren, Christ ist geboren.
Offenbar soll die Geburt Jesu Christi die Verlorenheit der Welt rückgängig machen. Sie soll die Welt also wieder finden. Aber inwiefern ist die Welt überhaupt verloren? Wo und wann ist sie verloren gegangen, und wem?
Man sieht nachträglich, wo schon im Anfang bei der Schöpfung das Problem liegt: Gott schafft die Welt – aber, wie es in 1. Mose 1, 2 heißt als Geist, der über den Wassern schwebt. Und das heißt – ich folge hier dem Philosophen Anton Friedrich Koch – er schuf sozusagen blind, er wusste nicht, konnte nicht wissen, was er da gemacht hatte, er schaute gleichsam nur sehr von ferne, von oben, mit einem „Blick von Nirgendwo“ (Thomas Nagel), also allgemein, nicht konkret, nicht im Detail.
Er musste deshalb die Betroffenen zu Wort kommen lassen oder kennen lernen, die Tiere, die Menschen.
Aber wir sollte er als frei schwebender Geist sich wirklich direkt konkret auf Adam und Eva beziehen können? Musste er sie befragen?
Dass das nötig werden würde, merkt man daran, dass er nach dem Mythos der Bibel in den Garten geht und nach ihnen sucht. Und er wird das auf verschiedenen Wegen immer neu und immer intensiver versuchen im Laufe der Geschichte, die die Bibel lang und breit nacherzählt…

Dass die Welt verloren ging, hat dann die Bedeutung der Übel, die bekanntlich zwei Formen annehmen, die natürlichen Übel, Krankheit, Leid, Tod etc., bis hin zu Covid und die moralischen Übel, das Böse bis hin zum Krieg in der Ukraine – und teilweise eben auch Covid, weil sich in unserem Leben beides oft untrennbar misch, das moralische mit dem sog. natürlichen Übel, das so natürlich für uns nicht ist, sich nicht so anfühlt vor allem.

Also ist die Welt Gott nicht einmal, sondern mindestens zweimal verloren gegangen: schon am Anfang, bei ihrer Schöpfung: so gut, wie Gott dachte, war sie gar nicht. Aber das merkten erst etwas später die Geschöpfe. Das Schöpfungslob, alles sei sehr gut und schön (1 Mose 1,31) war voreilig. Denn – und das ist das zweite Mal, dass die Welt verloren ging: die Geschöpfe, insbesondere der Mensch, neigte zum Bösen – vielleicht auch, weil von so vielen Übeln heimgesucht.

Gott unternimmt nun alle möglichen Versuche, seine Schöpfung besser kennen zu lernen, bis hin zu dem, was Christen an Weihnachten feiern: Christ ist geboren – sprich: Gott erkennt, er muss schlussendlich selbst sehen, erleben, spüren, wie das ist, als Geschöpf zu leben, das den unendlichen Geist hat, aber in einem endlichen und sterblichen Leib. Das also feiern wir an Weihnachten.

3
Und an Ostern geht es weiter.
Die Neufassung von O du fröhliche von Heinrich Holzschuher sagt es in der 2. Strophe so: Christ ist erschienen, uns zu versühnen.
In dieser Wortbildung »Versühnen« geht es um beides, um Sühne und Versöhnung.

Zur Versöhnung nur soviel:
„Gott wusste nicht, was bevorstand, weil er es nicht wissen konnte. Wie sollte er wissen können, was der Tod auf das Leben zurückbewirkt, da er doch selbst keines Todes gewärtig sein konnte? Es ist nur vergleichbar damit, dass keiner wissen kann, was ’Schmerz‘ ist, der nicht einen gehabt hat; und selbst dann kennt er nur mit Vorbehalten, was es anderen bedeutet, einen zu haben.“

Indem Gott Mensch wird, weiß er es. Und so sind wir mit ihm und unserem eigenen Leben versöhnt. Aber erlöst sind wir deshalb nicht, oder höchstens vom Bösen – aber sicher nicht endgültig -, nicht jedenfalls von den Übeln.

Zur Sühne nur so viel:
Mythisch geredet stehen wir in der Schuld des Teufels, weil wir immer wieder, bewusst/unbewusst einen Pakt mit ihm eingehen, damit es uns besser geht – so ähnlich vielleicht, wie die Verträge mit Putins Russland über Kohle, Erdöl und Gas… oder ähnliche. Es wäre es wert, solche „Verträge“ sich näher anzuschauen,. Die Versuchung kannte auch Jesus von Zarareth in der Wüste. Und Faust (nicht erst bei Goethe) ist eine der Gestalten, die davon handeln.

Jesus Christus nun »bezahlt« unsere Schulden, indem wir er sich töten lässt, wie ein Lamm.
Johann Sebastian Bach hat das in seiner Matthäuspassion unübertroffen vertont.

Ursprünglich hieß es nur, in Falks 2. Strophe:
Welt liegt in Banden, Christ ist erstanden.

Das meint offenbar die Übel in ihrer zweifachen Gestalt:
Wir leiden unter der Vergänglichkeit und auch der Endlichkeit unseres Lebens, den natürlichen Übeln wie Krankheit, Wassermangel, Überflutungen, Erdbeben, Tsunamis, Viren usw., wie auch unter dem moralischen Übel des Bösen, wie es nicht nur im Ukrainekrieg zutage tritt, sondern auch in Egozentrik und Gleichgüktigkeit…

Die Überwindung des Todes, damit der Vergänglichkeit – ob auch der Endlichkeit? – durch die Auferstehung Jesu Christi gibt uns zumindest die Hoffnung für das Reich Gottes, wenn es wie im Himmel, so auch auf Erden Gestalt gewinnen wird.

4
Und nun stehen wir vor Pfingsten: Da kommt der Geist, der anfänglich über den Wassern schwebt, in unsere Herzen und Hirne, in unsere Leiber und Gesten, unser Tun und Lassen und Reden.
Der neue Text führt wieder im den Himmel:
Himmlische Heere, jauchzen dir Ehre.
Es ist, als ob der Heilige Geist wieder dort oben über den Wassern schwebt. Oder noch.
Doch seit und für Pfingsten gilt: Christ, unser Meister, heiligt die Geister.

Und zwar gilt das zuerst für den Geist Gottes selbst. Zum Heiligen Geist wird der Geist erst, wenn er eben geheiligt wird. Und geheiligt wird der Geist paradoxerweise, indem er Jesus Christus nachfolgt, auf die Erde, in die Endlichkeit und Vergänglichkeit hinein, indem er eingeht in Leib und Seele, sich also inkarniert wie Gott in Jesus Christus.

Durch die Heiligung des Geistes wird zugleich die Seele geheiligt, der Körper, das Leben.

In der Tradition wird der Geist Gottes ja als Taube dargestellt – passend u.a. zum Lamm, das Christus zeigt, die Tierwelt kommt schon vor – wie ja auch an Weihnachten in Ochs und Esel.

Nachträglich mag man sich den Geist über den Wassern der Schöpfung als Taube vorstellen; er kommt dann in der Taube in der Arche Noahs wieder vor, bei der Verkündigung des Engels Gabriel an Maria, sie würde schwanger werden wie später bei der Taufe Jesu, und dann eben noch einmal bei der Ausgießung des Geistes an die Jünger*innen an Pfingsten.
Im Blick auf Himmelfahrt und Pfingsten:
Jesus Christus verschwindet leibhaftig im Himmel und tauscht gleichsam mit dem Geist, der nun eingeht in unsere Geister und Seelen und Leiber.

Dieser geheiligte Geist taucht ein in alle seelischen und körperlichen Gesten. Weshalb es in 2 Tim 2,7 ja auch heißt, dass dieser Geist nicht der der Furcht oder Verzagtheit ist, sondern der Kraft, der Liebe, der Besonnenheit.
Sprich: in der Liebe ist Geist und Seele, Bewusstsein und Leben, Himmel und Erde versöhnt.
Fehlt nur noch die endgültige Erlösung von den Übeln. In der Anschauung, dass Gott in Jesus Christus endgültig das irdische, menschliche, kreatürliche Geschick als endlicher, vergänglicher Mensch auf sich nimmt, sind wir mit unserem eigenen Geschick versöhnt. Und können die Erlösung hoffentlich erwarten.

Und deshalb können wir nun das ursprüngliche Allerdreifeiertagslied „O du fröhliche“ singen:

Allerdreifeiertagslied

O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren, Christ ist geboren:
Freue, freue dich o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Osterzeit!
Welt liegt in Banden, Christ ist erstanden:
Freue, freue dich o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige
gnadenbringende Pfingstenzeit!
Christ, unser Meister, heiligt die Geister:
Freue, freue dich o Christenheit!

(ursprüngliche Fassung aller drei Strophen von Johannes Daniel Falk,1816)

Rosenheim, Weihnachten 2022 Klaus Wagner-Labitzke

publ. am 29. Dezember 2022