Evangelisch-Lutherischer Dekanatsbezirk Rosenheim

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So ein blöder Esel

„So ein blöder Esel“. Die Redewendung hat sich eingebürgert, wenn man sich ärgert, weil jemand etwas Unverständliches, Sinnloses oder Falsches tut.
Doch stimmt das eigentlich?
Der Esel ist eng verknüpft mit Advent und Weihnachten. Jesus zieht auf einem Esel in Jerusalem ein. Ein Esel trägt Maria mit dem ungeborenen Kind nach Bethlehem. Er trägt gleichzeitig eine schwere Last und die Ursache für die Befreiung und Freiheit der Menschen.
Der Esel hat sich auch diesen Advent wieder aufgemacht, damit das Kind, das die Menschen heilt und die Welt rettet, rechtzeitig an Weihnachten geboren werden kann.
Vielleicht hat dieses Bild in diesem Advent besondere Bedeutung. Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen lasten schwer auf den Seelen und der Gesellschaft. Wie sehr haben alle gehofft, dass in diesem Winter keine weiteren Einschränkungen mehr nötig sind. Es ist schwer, damit umzugehen, dass das nicht so ist. Viele trauen sich nicht mehr, sich auf etwas zu freuen, weil die Erfahrung, dass etwas wieder nicht stattfindet zu schmerzhaft ist. Die Stimmung wird gereizter. Die Suche nach den Ursachen ist in vollem Gange. Das ist grundsätzlich gut und richtig, damit wir einen Weg aus der Pandemie finden. Doch der Ton steigert sich zu Schuldzuweisungen: Die Ungeimpften sind im Fokus. Die anderen fügen hinzu, dass Geimpfte auch erkranken und das Virus weitertragen. Wenn Jugendliche über die Stränge schlagen und feiern, wird auf sie geblickt, bei Reisenden auf die Rückkehrer aus Risikogebieten, Journalisten sehen die Ursachen in falschen Einschätzungen der Politikerinnen und Politiker, um nur einige Beispiele zu nennen. Schnell schlägt diese Gemengelage um in ein Gegeneinander, das Auswirkungen bis in den privaten Bereich hat. Denn es gibt niemanden, der eine Gesellschaft und die Menschen in einer solchen Situation freisprechen kann.
So lange das so ist, versucht das jede und jeder für sich, indem er oder sie die Schuld von sich schiebt, indem er oder sie einem oder einer anderen die Schuld zuweist. Es ist eine Spirale, aus der wir nicht kommen. Sie wird uns im Kampf gegen das Virus nicht helfen. Stattdessen wird sie unsere Werte, unser Miteinander und unsere Gesellschaft zerstören. Wenn wir das Virus bekämpfen und die Gesellschaft erhalten wollen, müssen wir uns frei von Schuldzuweisungen machen und einen wertschätzenden, achtenden Umgang miteinander pflegen.

Doch wie kommen wir dahin und raus aus dieser Spirale?
Wir brauchen einen Sündenbock. Im Alten Testament ist das ein Bock, auf dem man alle Last, alle Schuld, allen Ärger und alle Wut legt und den man in die Wüste schickt. Das feiern Juden an Jom Kippur, dem großen Versöhnungstag.
Für Christen ist der Sündenbock das Kind, das an Weihnachten geboren wird. Es hat die Macht, alle Schuld und Zwietracht auf sich und von uns weg zu nehmen. Das durchbricht unsere Mechanismen. Deshalb beruhigen uns die Engel bei seiner Geburt:
„Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren“ (Lukasevangelium, Kapitel 2, Verse 10 und 11).
Werfen wir doch alle Anschuldigungen auf unseren Sündenbock, jede und jeder auf seinen, nur nicht gegenseitig auf uns Menschen.
Lasst uns in dem Sinne frei werden, umkehren und neu anfangen im Miteinander.
Der Esel mit Maria ist schon unterwegs und der Stern von Bethlehem beginnt seine Bahn zu ziehen. Das Heil ist nah. Lasst es uns ergreifen und unsere Gesellschaft verändern, damit wir wie Maria auf dem Esel durch schwere Zeiten getragen werden.

von Dekanin Dagmar Häfner-Becker, publ. am 29. November 2021