Evangelisch-Lutherischer Dekanatsbezirk Rosenheim

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Worauf wir an Weihnachten warten

Wir erwarten an Weihnachten gutes Essen, einen schönen Tannenbaum mit Kugeln, einen weihnachtlich geschmückten Tisch, gelöste und festliche Stimmung, dass sich alle über die Geschenke freuen, anregende Gespräche und eine gewisse Glückseligkeit in unseren Herzen und den Augen der anderen.
Doch warum verbinden wir all das mit Weihnachten und nicht mit anderen Festen?
Für mich liegt die Erklärung darin, dass wir mit dem Glanz des Schmuckes, mit der Freude und der Stimmung das verbinden, was wir und von Gott erhoffen. Dadurch holen wir ein Stück weit das Göttliche in unsere Wohnzimmer. Zugleich will Weihnachten das Fest sein, an dem Gott uns nahekommt, damit er uns tröstet, es um uns und in uns heller, friedlicher und froher wird. Vielleicht warten wir in diesem Jahr noch mehr darauf als in den vergangenen Jahren.
Dabei muss ich manchmal an eine Geschichte von Sybil Gräfin Schönfeldt denken. Sie heißt „Der Bäckerengel“. Ein kleiner Engel fällt dort vom Himmel. Er ist unscheinbar, wird von den Kindern ausgelacht und verspottet. Ein Ehepaar nimmt ihn auf, weil er spärlich bekleidet und schutzbedürftig ist. Niemand hätte ihn zu sich gelassen und aufgenommen, wenn er nicht gefroren und Hilfe gebraucht hätte. Wäre er strahlend und edel durch die Wiesen und Wälder geschwebt, hätte ihn jeder bewundert. Keiner hätte ihn geärgert oder wäre ihm mit Schneebällen in der Hand nachgelaufen. Aber er wäre auch bei niemandem eingezogen, niemandem nah gekommen, dem Ehepaar nicht, den Nachbarn nicht, denen er begegnete, und auch den Kindern nicht, mit denen er später spielte. Er wäre nur zu sehen gewesen.
Im Advent erwarten wir, dass Gott an Weihnachten zu uns auf die Erde kommt, mitten unter uns ist und uns nahekommt.
Immer wieder fragen sich Menschen, warum Gott ausgerechnet als kleines Kind auf die Erde gekommen ist, schwach und schutzlos.
Ich glaube, es liegt daran, dass die Menschen damals wie heute Gott sonst nicht aufgenommen und an sich herangelassen hätten.
Wir würden ihm unsere Herzen nicht so weit öffnen, wenn er als strahlender König gekommen wäre. Wir wären immer, selbst wenn er noch so selbstlos herrschen würde, skeptisch und wachsam, dass er uns nicht übervorteilt.
Einem Säugling können wir uns bedingungslos öffnen. Wir wissen, dass er nicht berechnend ist. Wir werden unweigerlich berührt von dem Zauber, den ein kleines Kind ausstrahlt. Sein Anblick weckt in uns Gefühle der Liebe und Zuwendung. Zugleich bringt so ein Kind viel Mühe mit sich, wenn es gewickelt, gefüttert und getröstet werden muss.
„Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ (Lk 2, 12) So spricht der Engel in der Weihnachtsgeschichte zu den Hirten auf dem Feld.
Das Kind in der Krippe ist das Zeichen: Gott kommt zu uns bedingungslos, wenn wir uns ihm bedingungslos öffnen und ihm vertrauen. Er ist nicht berechnend und fordert keine Gegenleistung. Umgekehrt muss aber der Glaube an Gott gepflegt werden. Die Beziehung zu Gott aufrecht zu erhalten ist mühsam wie ein kleines Kind zu wickeln und zu füttern. Doch sie weckt in uns Gefühle der Liebe und der Zuwendung zu Gott und den Menschen.
Deshalb wird es hell an Weihnachten. Deshalb beschleicht uns an diesem Tag manchmal ein Gefühl der Glückseligkeit oder eine Ahnung dafür.
Lassen wir Gott uns ganz besonders in diesem Jahr berühren wie damals das Kind in der Krippe die Hirten in ihren Bann gezogen hat, damit Liebe und Friede zu uns kommen, die wir mehr brauchen können denn je.
Ich wünsche Ihnen ein friedvolles, frohes und gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes und hoffnungsvolles, neues Jahr.

Ihre Dekanin Dagmar Häfner-Becker

publ. am 23. Dezember 2020