Evangelisch-Lutherischer Dekanatsbezirk Rosenheim

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Warum Gottesdienste weiter stattfinden sollen - Ein Plädoyer für die Bedürfnisse der Seele

Im Lockdown im Frühjahr gab es viele Stimmen, die den Kirchen vorwarfen, sich nicht vehement genug gegen die Schließung der Kirchen für Gottesdienste und das Besuchsrecht in Altenheimen und Krankenhäusern eingesetzt zu haben.
Nun haben wir einen regionalen Lockdown im Landkreis Berchtesgadener Land. Meinungen und Fragen werden geäußert, warum Gottesdienste weiter stattfinden können, Schulen aber geschlossen werden.
Über die Schließung der Schulen ist es für mich schwer zu urteilen. Ich gehe davon aus, dass hier die Argumente sehr gut abgewogen wurden. Auf der einen Seite geht es um das Recht der jungen Leute auf Bildung. Wir haben gemerkt, dass es nicht ohne Präsenzunterricht geht. Zur Bildung gehört auch die Menschenbildung. Kinder und Jugendliche müssen die Möglichkeit haben, sich zu sehen und in der Schule zusammenzukommen. Im Gegenüber zu anderen Kindern und Jugendlichen und den Lehrerinnen und Lehrern erfahren sie sich selbst. Sie lernen, wer sie sind. So werden sie erwachsen. Vielleicht kann gerade dieses Recht durch einen lokalen Lockdown langfristig gesichert werden, weil es z. B. in vielen Schulen schwieriger ist den Abstand zu halten.
Gottesdienste finden mit ausgearbeiteten Hygieneschutzkonzepten unter Einhaltung von Abständen statt. Dadurch kommt es, gerade wenn man die beiden großen Kirchen und die Häufigkeit von Gottesdiensten jeden Sonntag bundesweit betrachtet, zu so gut wie keinem Infektionsgeschehen.
Das ist die sachliche Ebene, die für mich zeigt, dass die Kirchen genau richtig gehandelt haben. Sie haben sich als Teil der Gesellschaft verstanden. Nicht nur durch die Einhaltung der Hygieneschutzmaßnahmen haben sie einen großen Beitrag zum Zusammenhalt in der Gesellschaft geleistet. Sie haben außerdem für geistliches Leben und Seelsorge im Lockdown und darüber hinaus gesorgt. Kirchen standen offen und haben zum Gebet und zur Stille eingeladen. Pfarrerinnen und Pfarrer haben Andachten und Gottesdienste auf die Homepages gestellt und gestreamt. Sie und Ehrenamtliche haben die Menschen in den Altenheimen angeschrieben, ihnen Blumen zukommen lassen – oft das einzige Signal von außen. Sie haben Gemeindemitglieder angerufen, nachgefragt, Hilfsaktionen gestartet und Vieles mehr.
Immer mehr spüren Menschen in dieser Gesellschaft vor allem auch dadurch, dass der Mensch nicht nur „vom Brot alleine“ lebt, „sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“ (Evangelium nach Matthäus, Kapitel 4, Vers 4). So hat es Jesus einmal ausgedrückt.
Der Mensch ist nicht nur ein körperliches Wesen, sondern auch zutiefst geistig und geistlich. Das weiß schon die Bibel und auch uns ist es bewusst. Zur Gesundheit gehören Leib und Seele. Die körperliche Existenz alleine ist kein absoluter Wert.
Deshalb müssen Gottesdienste weiter gefeiert werden – natürlich unter Einhaltung der Hygieneschutzbedingungen. Seelsorge muss weiter möglich sein – mit und unter sinnvollen Hygieneschutzmaßnahmen. Nicht nur die Menschen, die direkt getröstet werden, erfahren seelische und dadurch auch oft körperliche Erleichterung. Seelsorge wirkt in die Gesellschaft. Sie heilt.
Selbst wer den Gottesdienst nicht besucht, kann spüren, dass dort in Gegenwart Gottes gefeiert wird und sein Geist da und zugleich mitten unter uns ist.
Sorgen wir dafür, dass unsere Gesellschaft eine geistreiche und getröstete Gemeinschaft bleibt. Dafür müssen die Kirchen für Gottesdienste geöffnet und die Möglichkeit zur Seelsorge gewahrt bleiben.

von Dekanin Dagmar Häfner-Becker, publ. am 20. Oktober 2020