Evangelisch-Lutherischer Dekanatsbezirk Rosenheim

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Christlich-muslimisches Friedensgebet fand in diesem Jahr trotz Corona zum 20. Mal statt

OB Andreas März (dritter von li.) beim Friedensgebet Foto: Anneliese Kunz-Danhauser

Am Freitag den 17.10. fand das traditionelle Friedensgebet des Arbeitskreises Christlich-muslimischer Dialog Rosenheim statt. Seit nunmehr 20 Jahren organisiert der Arbeitskreis jährlich dieses Friedensgebet. Corona hat in diesem Jahr allerdings auch das Friedensgebet verändert, weil es im Prinzip unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden musste. Am Ludwigsplatz konnte dieses Jahr das Friedensgebet nur in Form einer Friedenswache, ohne lautgesprochene Gebete und Musik organisiert werden. Oberbürgermeister Andreas März lies es sich aber nicht nehmen, seine Solidarität zu bekunden und den Organisatoren zum Jubiläum zu gratulieren Die stille Gemeinschaft verteilte an die Passanten Flugblätter mit folgendem Text:

Leben ohne Ausgrenzung – Eine Weisung unserer Religionen
Auf Abstand leben – Das ist das neue Motto unserer Zeit, das uns seit vielen Wochen täglich begleitet.
Wir Christen und Muslime teilen die Hoffnung auf eine gerechte Welt, die Hoffnung auf eine Welt, in der niemand unterdrückt oder verfolgt wird – schon gar nicht im Namen unserer Religionen.
So schreibt der Apostel Paulus im Brief an die Galater: „Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3, Vers 26 – 28) In dem Text geht es darum, dass unter den Christinnen und Christen diese Unterschiede keine Bedeutung mehr haben. In der christlichen Gemeinde haben alle Platz und sind gleich zu behandeln, denn als Gläubige sind sie auf einer Ebene. Sie sollen einbeziehend denken und entsprechend handeln. Die nationale Herkunft, die soziale Stellung oder das Geschlecht sind kein Grund zum Ausschluss aus der Gemeinde.
Mehr noch: Die Bibel stellt schon in den ersten Kapiteln klar, dass in JEDEM Menschen Gottes Atem lebt (Genesis 2,7), und weiter, dass in JEDEM Menschen uns ein Ebenbild Gottes begegnet (Genesis 1,27). Daraus entsteht die unverlierbare und unbedingt zu respektierende Würde JEDES Menschen. Jemanden abzuwerten, zum Beispiel indem man ihn ausgrenzt, ist eine Abwertung Gottes selbst, dessen Atem sowohl im Ausgegrenzten als auch in mir lebt und der uns verbindet, ob wir wollen oder nicht.
Im Koran finden wir die Sure 30 Vers 22: „Und zu seinen Zeichen gehören die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Hierin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden.“
„Die Aussagen dieser Koranstelle sind allgemein. Sie richten sich nicht spezifisch an Muslime, Araber oder religiöse Menschen, sondern sie sprechen die ganze Menschheit an. Die Rede von der Verschiedenheit ist mithin eine göttliche Botschaft gegen Diskriminierung – vor allem aufgrund von Ethnie oder Hautfarbe.“ (Dr. Mahmoud Abdallah)
„Hätte Gott es gewollt, Er hätte euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht (Ko-ran:5/48)“
Dieser Text ist wiederum ein Hinweis darauf, dass auch im Koran eine multireligiöse und multikulturelle Gesellschaft Gottes Wille ist. Kein Grund Menschen mit einer anderen Religion oder einer anderen kulturellen Herkunft auszugrenzen.
Fast alle Suren des Korans beginnen mit dem Vers: „Im Namen Gottes des Erbarmers, des Barmherzigen“. Jeder Mensch ist mit der Gabe gesegnet gegenüber anderen barmherzig sein zu können. Der Koran beschreibt Gottes Schöpfung als Einheit, die aus dem göttlichen EINEN hervorgeht. Daher wird auch im Islam jede Ausgrenzung aufgrund sozialer oder biologischer Merkmale verurteilt.
Leben ohne Ausgrenzung heißt für uns konkret:
• Menschen einer anderen Religion mit Offenheit begegnen und das Gemeinsame suchen
• Menschen mit anderer Meinung zuzuhören und sie trotz gegensätzlicher Ansichten zu respektieren
• einem Menschen mit ausländischem Namen oder anderer Hautfarbe unvoreingenommen zu begegnen
• Menschen mit Handicap ein selbstbestimmtes Leben in Gemeinschaft zu ermöglichen
• Kontakt halten zu Alten und Kranken auch unter erschwerten Bedingungen

Der Wunsch bei aller Verschiedenheit das Gemeinsame zu sehen und zu finden, leitet den Arbeitskreis christlich-muslimischer Dialog Rosenheim seit zwanzig Jahren. Seinen erkennbaren Ausdruck findet dieser Wunsch im Friedensgebet, das jedes Jahr im Herbst auf dem Max-Josefs-Platz stattfindet. Das Friedensgebet steht für unseren Wunsch nach Frieden zwischen unseren Glaubensgemeinschaften, Frieden in unserer Stadt, Frieden in unserem Land und auf der Welt. Dafür setzen wir uns ein.
In diesem Jahr ist alles anders. Die Corona-Pandemie gebietet Abstand. Aus dem tiefen Bedürfnis unsere Nächsten zu schützen, wollen wir die Abstandsregeln ernst nehmen und verzichten diesmal auf die Einladung zu einem öffentlichen Friedensgebet. Wir halten Abstand und zugleich wollen wir darauf aufmerksam machen, dass Abstand nicht Ausgrenzung bedeutet. Mehr denn je scheint es uns notwendig zu sein, auf einander zuzugehen, sich dem Unbekannten und Fremden nicht zu verschließen, sondern zu öffnen, und Gottes Barmherzigkeit in die Tat umzusetzen.

publ. am 20. Oktober 2020