Evangelisch-Lutherischer Dekanatsbezirk Rosenheim

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Was ist Freiheit in Zeiten von Corona?

Immer häufiger wird im Moment gegen die Beschränkungen aufgrund des Coronavirus demonstriert. Diese würden unsere Freiheits- und Grundrechte beschneiden. Die Anzahl der Demonstrierenden übersteigt vielfach die erlaubte Höchstteilnehmerzahl. Der Mindestabstand wird nicht eingehalten.

Mir stellt sich in dem Zusammenhang die Frage, was Freiheit ist. Denn Freiheit ist zunächst ein abstrakter und allgemeiner Begriff, der erklärt und geklärt werden muss. So sind sich beispielsweise die meisten wahrscheinlich einig, dass die Freiheit des einen nicht zu einer unverhältnismäßigen Einschränkung des anderen führen darf. Genau das ist das Argument der Demonstrierenden. Sie sehen ihre Freiheitsrechte und das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit unverhältnismäßig beschnitten.

Martin Luther beschreibt die Freiheit, die ein Christ hat, mit zwei Feststellungen: Die eine ist, dass ein Christ geistlich frei ist, wenn er sich Gott zuwendet. Er muss sich damit in seiner Geisteshaltung nicht von Menschen abhängig machen. Die zweite Aussage ist, dass er oder sie aus dieser Freiheit in die Lage versetzt wird, für die Menschen und die Gesellschaft da zu sein und für sie etwas zu tun. Freiheit beinhaltet im Tun daher Rücksicht, Maß, Toleranz und Akzeptanz. In dieser Hinsicht hängt Freiheit mit dem Wohl des anderen und der Gesellschaft zusammen. Sie bedeutet nicht Unabhängigkeit.

Aus Rücksicht wurden die Ausgangsbeschränkungen erlassen, damit im Gesundheitswesen genug Krankenhausbetten zur Verfügung stehen. Es mussten sogar Operationen verschoben werden. Aus Maß und Rücksicht sind die Ausgangsbeschränkungen nun gelockert worden, damit Geschäfte wieder aufmachen können und Existenzen nicht zerstört werden. Beides geschah also aus einem Freiheitsverständnis heraus. Wer nun die Erfolge bewusst gefährdet, weil Abstandsregeln nicht mehr eingehalten werden und bei großen Menschenansammlungen möglicherweise neue Ansteckungswellen zu befürchten sind, handelt aus diesem Verständnis heraus unfrei. Er oder sie riskiert, dass Geschäfte wieder geschlossen werden müssen, Existenzen in höherem Maß gefährdet werden, die Krankenhäuser wieder stärker belastet werden, Menschen erkranken und sterben.

Wer geistlich frei ist, kann Rücksicht nehmen und Maß halten. Wer aus dieser Freiheit heraus handelt, hat auch nicht die Not, jemandem etwas unterstellen zu müssen oder Schuldzuweisungen zu machen, sei es gegenüber Regierungen oder Einzelpersonen. Denn er oder sie hat sich aus einer unabhängigen und freien Geisteshaltung heraus für das Wohl der Menschen entschieden.

Die Grundrechtsdebatte ist eine wichtige und muss geführt werden. Dafür haben wir die Meinungsfreiheit, die wir derzeit vor allem in den sozialen Medien aktiv ausüben können. Es fehlt uns die Möglichkeit, durch große Menschenansammlungen für das Auge sichtbar auszudrücken, wie stark eine Meinung vertreten ist und wie intensiv sich für sie eingesetzt wird. Kleinere Versammlungen sind mittlerweile wieder erlaubt. Die Versammlungsfreiheit wird Stück für Stück vorsichtig wieder ermöglicht. Das auszunutzen, würde im Zweifelsfall zu noch moderateren Lockerungen oder erneuten Beschränkungen führen. Wenn größere Ansammlungen derzeit wieder mit zu höheren Ansteckungsquoten beitragen würden, beträfe das wiederum die anderen Grundrechte, wie beispielsweise die Grundrechte auf Menschenwürde, Leben und körperliche Unversehrtheit. Gerade kommen wir allmählich dazu, dass Sterbende wieder zumindest von einzelnen Personen besucht und begleitet werden können und nicht mehr ganz alleine sterben müssen. Das medizinische Personal ist nicht mehr in dauernder Überlastung. Die Wahrscheinlichkeit der Ansteckung ist gesunken. Das zu erreichen und zu halten bleibt selbst mit Einhaltung der Hygieneregeln eine Herausforderung.

Für diese Rechte sollten wir uns die Freiheit nehmen, rücksichtsvoll und maßvoll zu handeln. Wir spüren in dieser Ausnahmesituation besonders, was zu allen Zeiten gilt. Die Ausübung eines Grundrechts wird von der Ausübung eines anderen Grundrechts begrenzt. Um größtmögliche Entfaltung des Individuums bei gleichzeitigem Erhalt der Gemeinschaft zu erreichen, muss das so sein. Daher ist meines Erachtens das Gebot der Stunde eine transparente, maß- und rücksichtsvolle öffentliche Diskussion unter Einhaltung der Schutzmaßnahmen aufgrund des Corona-Virus. Diese Debatte ist auch in diesen Zeiten weiterhin möglich und sollte ebenfalls zu rücksichtsvollen Entscheidungen mit Maß führen.

Das ist Freiheit nicht nur in Zeiten von Corona. Denn dieser Diskurs muss immer geführt werden, auch wenn es keine Pandemie und die dadurch notwendig gewordenen Einschränkungen mehr gibt.

von Dekanin Dagmar Häfner-Becker, publ. am 20. Mai 2020